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Rundbrief 03-2020


14.12.2020

Wenn Begriffe verletzen


Gibt es einen Anlass, überhaupt darüber nachzudenken, welcher Begriff der “Richtige” ist? Eine scheinbar erdrückende Mehrheit verwendet den Terminus “Genitalverstümmelung” und beharrt darauf. Hinzu kommt, dass er in unseren Gesetzen mit gleicher Selbstverständlichkeit fest verankert ist, wie auch in allen Verlautbarungen der Weltgesundheitsorganisation. Bücher, über das Thema erscheinen oder Studien schreiben “Genitalverstümmelung”.


Wir haben Stimmen gesammelt und wollen eine Diskussion anregen, damit der aktuelle Zustand überwunden wird. Aktuell scheuen sich alle, offen in eine solche Diskussion zu gehen, außer denen, die fast schon militant für den Begriff "Genitalverstümmelung" kämpfen.

Wir finden aber, dass wir mit dem Begriff GENITALVERSTÜMMELUNG nicht weiterkommen. Im Gegenteil, die Fronten verhärten sich und die betroffenen Communities ziehen sich noch mehr zurück.


Betroffene sind nicht gefragt?

Der einzige leise, ganz vorsichtige Einwand kommt von den betroffenen Frauen. Sie wollen in breiter Mehrheit nicht als verstümmelt bezeichnet werden. Betrachtet man die Szenerie, haben diese Frauen in unserer Gesellschaft keine Chance auf eine menschenwürdige Bezeichnung. Die anderen sind in der Mehrheit.

Aber müssten nicht die betroffenen Frauen selbst festlegen, wie wir über sie sprechen?

Beschreibung einer typischen Situation: Bei einer Tagung vermeidet eine Aktivistin, die die grausame Praxis der Beschneidung am eigenen Leibe erfahren musste, das Wort Genitalverstümmelung und wird von einer weißen Aktivistin, die zwar bestimmt mitfühlend ist, es aber nicht erlebt hat, zurechtgewiesen. Können wir das zulassen?

Ist das eine Frage der Menschenrechte?


Ein Blick über die Grenzen



Die Niederlande

Im Niederländischen gibt es die beiden Begriffe meisjesbesnijdenis und vrouenbesnijdenis, die den deutschen Begriffen Mädchenbeschneidung und weibliche Genitalbeschneidung gegenüberstehen.

Diese Begriffe werden stärker benutzt als verminking, dass bei uns Genitalverstümmelung bedeuten würde. 

Wenn wir uns die Unterschiede im Klang der Wörter betrachten, klingt unser "Verstümmelung" wesentlich schroffer und verletzender als "verminking". Wortklang bei Pons anhören


Die Schweiz

Der Umgang mit der Terminologie wird schon dadurch deutlich, dass das landesweite Bündnis Netzwerk gegen Mädchenbeschneidung im Gegensatz zum deutschen Netzwerk gegen Genitalverstümmelung heißt.

Das zieht sich durch alle Webseiten und Veröffentlichungen. Bei TERRE DES FEMMES ist im Wechsel Mädchenbeschneidung und Genitalverstümmelung genannt. Nirgendwo habe ich den Einwand gefunden, dass der Begriff Mädchenbeschneidung verharmlosend wirkt.


Die USA

In den USA wird deutlich stärker der Begriff female genital cutting (FGC), also weibliche Genitalbeschneidung verwendet. ORCHID PROJECT lässt seinen afrikanischen Partner TOSTAN zu Wort kommen:

"Wir sollten uns daran erinnern, dass wir alle, egal woher wir kommen, dazu neigen, urteilenden Außenseitern auf ähnliche Weise zu antworten. Wenn unsere Überzeugungen und Handlungen von einem Fremden in Frage gestellt oder verurteilt werden, werden wir wahrscheinlich defensiv werden. Anstatt uns ihre Sorgen zu Herzen zu nehmen, betrachten wir ihre Anschuldigung als ungerechtfertigten und uninformierten Angriff auf unsere Kultur.

Wir werden ganz sicher nicht geneigt sein, bei uns etwas zu ändern, um diese Kritiker zu befriedigen. Wir würden an den kritisierten Handlungen festhalten. Unsere Erfahrung hat uns gezeigt, dass Dialog zu Veränderungen führen kann und Dialog erfordert ein Verhältnis von Vertrauen und Respekt. Aber die Praxis als "Verstümmelung" zu bezeichnen, verhindert, dass sich diese Beziehung entwickelt und lädt eher zu Ablehnung als zu produktivem Diskurs ein." ORCHID PROJECT


Stimmen aus Afrika

Dafür:
Die Bamako-Erklärung


Female Genital Mutilation, also Genitalverstümmelung  wurde 1990 vom Inter-African Committee on Traditional Practices Affecting the Health of Women and Children (IAC) als zentraler Begriff gewählt.

Das IAC kritisierte 2005 die Verwendung der Bezeichnung Female Genital Cutting (FGC) durch einige UN-Organisationen, die dahingehend von „besonderen Lobby-Gruppen“, hauptsächlich aus westlichen Ländern stammend, beeinflusst worden seien.

"Die Mitglieder des IAC sehen in der Verwendung alternativer Bezeichnungen – genannt werden „Female Circumcision“, „Female Genital Alteration“, „Female Genital Excision“, „Female Genital Surgery“ und „Female Genital Cutting“ – eine politisch motivierte Abkehr von der Sprachregelung „Female Genital Mutilation“, die eindeutig Stellung beziehe. Sie bekräftigten die Forderung, den Begriff „Female Genital Mutilation“ (FGM) beizubehalten." Bamako Declaration im Wortlaut




Dagegen:
Wütende Autorin


Betty Njoroge schreibt in der Zeitung Kenya Today:
“Wie kann eine internationale Bewegung nur versuchen, weibliche Genitalverstümmelung, wie es die nicht-weißen Gemeinschaften nennen, einzudämmen, während sie die Tatsache, dass weiße Frauen im Namen der Schamlippenplastik selbst kosmetische Genitalverstümmelung erleiden, pointiert ignoriert? Ist es die Tatsache, dass plastische Chirurgen diejenigen sind, die dieses schädliche Verfahren durchführen? Warum ist die Schamlippenplastik in westlichen Ländern sogar legal, während Genitalverstümmelung im selben Land illegal ist?

Es ist einfach Rassismus, schlicht und einfach unverhohlen dir ins Gesicht gesagt, RACISM. Auch der Begriff female genital  MUTILATION ist ein Ausdruck dieses Rassismus. Wenn farbige Frauen sich dem Beschneiden ihrer Schamlippen unterziehen, sind sie VERSTÜMMELT, aber wenn weiße Frauen sich den gleichen Schnitt unterziehen, sie sind immer noch FRAUEN.

Die Tatsache, dass eine Form des Genitalschneidens illegal ist, während die andere legal ist, zeugt nur von der Denkweise derer, die solche Gesetze schaffen. Verstümmelung ist ein Wort, das ich verabscheue, und für die Zwecke dieses Artikels ersetze ich das M in FGM als MODIFICATION.”  KENYA TODAY


Die Praxis in Deutschland


TERRE DES FEMMES  kommt in Deutschland eine besondere Rolle zu, gilt sie doch als Maßstab für alle, die sich mit dem Thema Genitalbeschneidung auseinandersetzen.

Im Gegensatz zu den Schweizer Kolleginnen hat sich TERRE DES FEMMES Deutschland deutlich für den Begriff Genitalverstümmelung ausgesprochen:

"TERRE DES FEMMES setzt sich weiterhin dafür ein, dass FGM (Female Genital Mutilation) nicht verharmlost, sondern in der Öffentlichkeitsarbeit als weibliche Genitalverstümmelung bezeichnet wird." Sie betonen aber auch: “Gleichzeitig halten wir im direkten Umgang mit Betroffenen die Bezeichnung „Beschneidung“ für angemessen. Viele betroffene Frauen möchten nicht als verstümmelt wahrgenommen werden, da sie dies zusätzlich stigmatisiert." TERRE DES FEMMES

Genau das ist das Problem im Umgang mit den Begriffen. Wie sprechen wir über die Betroffenen, wie sprechen wir mit den Betroffenen? Wenn wir über die Medien Stellung beziehen – sind wir uns sicher, dass die Betroffenen gerade wegsehen und –hören?


Ganz eindeutig dagegen ist der Verein TaskForce:
"Wer sich ernsthaft für die Beendigung der Verstümmelungen einsetzt, kommt um die Verwendung der korrekten Terminologie “Genitalverstümmelung” nicht herum. Verharmlosungen wie z.B. “Beschneidung” oder “Cutting” behindern die Bemühungen zur Abschaffung dieser Gewalt.” Taskforce

Und der Verein SAIDA macht es gegenüber der TAZ noch deutlicher:
"Schlimm genug, dass der taz-Redakteur sich in eklatanter Verharmlosung ergeht ("Beschneidung von Frauen", "Frauen mit beschnittenen Genitalien", "Mädchenbeschneidung" etc.) - ob aus Ignoranz oder dem verfehlten Wunsch nach Anpassung an die Wünsche einer einzelnen Aktivistin bleibt wohl unklar). Klar ist aber, dass die Verwendung beschönigender Begriffe dem Kampf gegen dieses Verbrechen abträglich ist."  Saida


Genau das Gegenteil hat der Runde Tisch NRW gegen Beschneidung von Mädchen 2007 beschlossen:

„Es wurde noch einmal deutlich gemacht, dass das Wort ‚Verstümmelung’ den Respekt und die Würde der Betroffenen verletzt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschlossen einstimmig, das Wort ‚Verstümmelung’ als Runder Tisch NRW nicht mehr zu benutzen. Unberührt davon bleibt der Sprachgebrauch der einzelnen Institutionen in ihrer jeweiligen Arbeit.“

Alle waren sich einig, dass die Bitten der Teilnehmer*innen aus der Community Vorrecht haben.   


Plädoyer für mehr Sensibilität


Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten in vielen sozialen Bereichen gelernt, eine sensible Sprache zu verwenden. Es gibt heute keinen sozialen Bereich mehr, in dem ein Kampfbegriff für notwendig erachtet wird. 

In den Jahren, in denen der Begriff “Genitalverstümmelung” propagiert wurde, war dies ein nachvollziehbarer und richtiger Impuls. Damals waren die gesellschaftlichen Bretter extrem dick, die wohl nur mit einem harten  Begriff begegnet werden konnte, der die ganze Brutalität der Tradition zum Ausdruck brachte.

Wenn wir uns aber die aktuelle Situation in Deutschland ansehen, müssen wir feststellen, dass alle Parteien, alle Medien und gesellschaftlichen Gruppen zum 6. Februar intensiv über das Thema berichten. Wir brauchen keinen Kampfbegriff mehr, weil die Türen weit geöffnet sind! Wir dürfen mit Recht sagen, dass wir in den letzten Jahren viel erreicht haben.

Im Vordergrund steht jetzt - und das gilt ausschließlich für Deutschland - mit einer sensiblen Sprache die Menschen in der Community zu erreichen, weil wir eine Mitverantwortung dafür haben, wenn auch bei uns Mädchen beschnitten werden. Innerhalb der Communities wird dies ohnehin praktiziert.

Dafür müssten wir Türen öffnen, statt sie mit dem Begriff “Genitalverstümmelung” zu verschließen. Schließlich ist es eine eher merkwürdige Ansicht, die Betroffenen würden unsere Medien nicht wahrnehmen. Selbstverständlich prasselt auf sie zu jedem Jahrestag im Februar der Begriff “Genitalverstümmelung” von allen Seiten auf sie ein, was sicherlich keine Gespräche ebnet.  Entsprechend sollten wir überlegen, gerade in den Medien die Begriffe zu verwenden, die einen Dialog ermöglichen.

 


Bewerten Sie bitte Rundbrief und Thema


Die Ergebnisse und weitere Entwicklungen können Sie auf dem Bildungsportal KUTAIRI weiterverfolgen.


Die Gelegenheit:


Ein spannendes neues Format:

Talksendungen snd in Deutschland sehr beliebt. Wir wollen mit der 4. Ausgabe des MITTWOCH-TALK das Format weiterentwickeln. Machen Sie mit, lernen Sie mit!





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