Wird diese Nachricht nicht richtig dargestellt, klicken Sie bitte hier.

Rundbrief 02-2020


10.12.2020


Wenn der wichtigere Teil der Gesellschaft ausgeschaltet wird

Es ist seltsam, dass in Bezug auf weibliche Genitalbeschneidung viel vom ungeheuren, persönlichen Leid der Mädchen und Frauen gesprochen wird und nur selten der große volkswirtschaftliche Schaden beschrieben wird, der viele Länder an der Entwicklung hindert. Das wollen wir hier ausnahmsweise mal tun.

Hilary Burrage, britische Soziologin, schreibt 2014 in Bezug auf Auswirkungen von FGM/C, es sei tragisch für eine Gemeinschaft, „wenn ein erheblicher Teil der erwachsenen Erwerbsbevölkerung ... dauerhaft an Krankheiten leidet und daher auch eine nicht optimale wirtschaftliche Leistung erbringt. Bestenfalls handelt es sich um eine weniger starke Resistenz gegen Infektionen, Rückenschmerzen usw. Im schlimmsten Fall ist FGM ein Mörder, sowohl des Opfers selbst als auch oft ihres Babys während der Entbindung“.

Und sie führt weiter aus, dass dies auch später sein kann, wenn sie nicht in der Lage sind, für sie richtig zu sorgen… „Lokale Volkswirtschaften, sowie einzelne Menschen zahlen einen hohen Preis für FGM.“

Quelle: The Real Economics Of FGM: It’s (Much) More Than ‘Wages’, Hilary Burrage, 2014



Die Arbeitskraft der Frauen


Es wird oft beschrieben, dass in afrikanischen Ländern die weiblilche Arbeitskraft für das Gelingen der Entwicklung besonders wichtig ist. Deswegen sagt WHO-Direktor Ian Askew auch folgerichtig, dass weibliche Genitalbeschneidung die Volkswirtschaften vor allen in den Ländern, in denen die Prävalenzraten besonders hoch sind, stark belaste. Dies sei, eine schwere Belastung für die Gesundheitsbudgets dieser Länder, die dafür jedes Jahr etwa 1,3 Milliarden Euro aufbringen müssten. In einigen Ländern mache das 30 Prozent des Gesundheitsetats aus. (2)

Hilary Burrage meint entsprechend: „Und dann fallen die Kosten für die Gemeinschaft und den Nationalstaat an. Frauen, die durch Trauma und Krankheit nicht optimal arbeiten können, produzieren nicht nur weniger, sondern kosten auch mehr, um „zu überleben“.

Sie brauchen ärztliche Hilfe (von qualifizierten Ärzten, wenn sie sehr viel Glück haben), ihre Kinder brauchen ein breiteres Betreuungsnetz, ihr psychischer Zustand ist möglicherweise fragil ... die Liste geht weiter.“

Und sie macht darauf aufmerksam, dass die Mädchen nach ihrer Beschneidung häufig den traditionellen Weg einer früher Verheiratung gehen müssen und keine hochwertige Bildung erhalten.

Weiterlesen: Genitalverstümmelung ist auch ein "volkswirtschaftlicher" Schaden, SPIEGEL, 06.02.2020 


Belastung für die Gesundheitsbudgets


Der wirtschaftliche Schaden von FGM/C ist enorm. Die WHO geht davon aus, dass jährlich 1,4 Milliarden US-Dollar für medizinische Behandlungskosten von FGM/C anfallen würden, wenn die erforderlichen Behandlungen vorgenommen werden würden.

Für einzelne Länder würde das bedeuten, dass diese Mehrkosten für medizinische Leistungen 10 Prozent, in einigen Ländern sogar 30 Prozent ihres Gesundheitsbudgets ausmachen würden. Diese Zahlen beruhen auf einer Modellrechnung und es wurden auch die Ersparnisse bei Beendigung von FGM/C für 27 stark von dieser Menschenrechtsverletzung betroffene Länder berücksichtigt.

Könnte FGM/C sofort abgeschafft werden, käme es zu einer Reduzierung der Gesundheitskosten um mehr als 60 Prozent bis 2050. Anderenfalls werden die Gesundheitskosten um 50 Prozent bis 2050 steigen.

Quellen:
Female Genital Mutilation Hurts Women and Economies, WHO
FGM Cost Calkulator, WHO
Tell No Lies: Neurobiological Consequences of FGM, frontpageafricaonline




Andere Diskussion bei Aids


"Je nach Branche kann sich Aids unterschiedlich auf Unternehmen auswirken. Man unterscheidet direkte, indirekte und systemische Kosten. Zu den direkten Kosten gehören steigende Ausgaben für Gesundheitsprogramme, für die Sozial- und Gesundheitsversicherung oder für die Neurekrutierung und Ausbildung von Beschäftigten.

Einige Unternehmen im südlichen Afrika sind sogar dazu übergegangen, jede Position mit zwei bis drei Arbeitnehmern zu besetzen, um angesichts der hohen krankheitsbedingten Fluktuation vorzubauen.

Indirekte Kosten entstehen zum Beispiel durch Abwesenheit vom Arbeitsplatz oder durch Unwohlsein bei der Arbeit, was sich auf die Produktivität auswirkt. Als systemische Auswirkungen werden negative Effekte auf den Zusammenhalt am Arbeitsplatz und die Belastung der Arbeitsatmosphäre bezeichnet. Dazu gehören auch der allgemeine Ausbildungs- und Erfahrungsstand, die Fähigkeit, betriebsinternes Wissen zu behalten und weiterzugeben."

Quelle: Ärzteblatt 2007



Fazit: Politik und Gesellschaft müssen umdenken!


Im entwicklungspolitischen Bildungsbereich wird weibliche Genitalbeschneidung so gut es geht ausgeklammert. Vielleicht ist es nicht angenehm, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Aber wenn wir ernsthaft die Entwicklung der betroffenen Länder wollen, müssen wir uns ernsthaft mit den Auswirkungen beschäftigen.

Hilary Burrage kommt entsprechend zu dem Schluss: "Zusammen mit den schrecklichen menschlichen Schädigungen hat FGM sicherlich Auswirkungen auf viele Volkswirtschaften von Gemeinden und Nationen auf der ganzen Welt. Warum sind die wirtschaftlichen Kosten von FGM/C also nicht von zentraler Bedeutung für das Denken über die internationale Entwicklung und die nationale Politik?"


Quelle: The Real Economics Of FGM: It’s (Much) More Than ‘Wages’, Hilary Burrage, 2014



Die nächsten Fragen


Im September 2020 ist Hilary Burrage zusammen mit FAWCO, einer amerikanischen Frauenorganisation, die international auch für die Bekämpfung von FGC einsetzt beraten. Dabei wurden Grundzüge für einen Index erstellt, der nicht vollständig ist, aber doch zeigt, in welche Richtung es gehen könnte.

Dieser Index würde uns für jedes Land oder jede Region sagen, wie viel wirtschaftlicher Schaden durch die Fortsetzung von FGM verursacht wird:

- Wie hoch ist der Gesamtschaden von FGM auf dem Arbeitsmarkt?
- Wie können die Fähigkeiten der Patienten, die FGM-Erkrankungen behandeln (oder medizinisch behandelte Genitalverstümmelung durchführen) produktiver eingesetzt werden?
- Um wie viel ist die Betreuung von Kindern, die von FGM betroffen sind? Wie viele junge Menschen leben dadurch ums Leben, und zu welchem Preis?
- Welche Schäden an der Alphabetisierung werden durch FGM verursacht?
- Inwieweit ist die Gleichstellung der Geschlechter von Genitalverstümmelung betroffen?
- Wie viel Steuer und damit verbundene Einnahmen gehen bestimmten Nationen aufgrund des Schadens von Genitalverstümmelung verloren?

Weiterlesen: An Economic Deficit Index for FGM? Human Capital, Sustainable Development And Land, Hilary Burrage, 28.09.2020



Es ist spannend zu verfolgen, welche Arbeit hier geleistet wird. Wir werden dies weiter dokumentieren > Bildungsportal KUTAIRI / Entwicklung



Die Länder mit den höchsten Prävalenzraten

















 
Wir haben hier die Prävalenzraten der afrikanischen Länder eingestellt. Leicht zu erkennen sind Länder wie Somalia, Ägypten, Sudan und Eritrea in Ostafrika und Guinea, Mali und Sierra Leone in Westafrika stark betroffen. Weitere Karten finden Sie auf dem Bildungsportal KUTAIRI.


Web-Seminar:
Entwicklungspolitische Aspekte von FGM/C

  mit Günter Haverkamp

vorgesehener Termin: Februar 2021
Kostenlos

Welche Beachtung sollte FGM/C im entwicklungspolitischen Bildungsbereich haben und wie sollte die Politik mit diesen Auswirkungen umgehen?



Achtung:
spannendes neues Format:

Talksendungen snd in Deutschland sehr beliebt. Wir wollen mit der 4. Ausgabe des MITTWOCH-TALK die Entwiccklungsarbeit fortsetzen. Unserer Arbeit mit Talktechniken haben in der Vergangenheit schon einiges verändert. Machen Sie mit, lernen Sie mit!




Fortbildungen sind praktische Hilfe für die bedrohten Mädchen und betroffenen Frauen!


Anmelden
Jemand hat Ihnen den NewsLetter weitergeleitet oder Sie möchten, dass Kolleg*innen den NewsLetter in Zukunft auch erhalten? Klicken Sie hier.



Gefördert durch das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung NRW

Wenn Sie diese E-Mail (an: Stefan.Zimkeit@landtag.nrw.de) nicht mehr empfangen möchten, können Sie diese hier kostenlos abbestellen.

 

Aktion Weißes Friedensband e.V.
Günter Haverkamp
Himmelgeister Str. 107a
40225 Düsseldorf
Deutschland

0211-9945137
haverkamp@friedensband.de